Marlies Kalbhenn


Um zwölf Uhr bleibt die Zunge stehen


Eine Kindheit in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts


mit Aquarellen von Christiane Tietjen

 
7,50 €



„Es war ein Spaziergang durch Stationen der jungen Bundesrepublik und der Adenauer-Ära, vom ‚Kalten Hund‘ beim Kindergeburtstag bis zur ersten Fahrt im alten klapprigen VW der Familie. – Neben aller Heiterkeit, allem Humor und Witz, geht dieses Erinnerungsbuch doch in die Tiefe, etwa bei der Schilderung des Besuches bei den Großeltern in der DDR.“  (Dr. Susanne von Garrel, Neue Westfälische)

***

„Das alles ist mit viel Gefühl, mit einer gesunden Portion Humor und viel Liebe zum Detail erzählt.“

(Westfalen Blatt Bielefeld)


Text

Marie-Kiki
Ausschnitt


Sabine war noch verreist. Deshalb konnte ich endlich einmal bei Kiki übernachten.
„Schau mal, Marie“, sagte sie, als wir nach dem Abendessen in ihrem Kinderzimmer saßen, „dieses Buch habe ich in Muttis Bücherschrank gefunden. Da steht drin, wie ein Baby geboren wird. Du glaubst doch nicht mehr an den Klapperstorch?“
„Nein, natürlich nicht!“
„Aber so ganz genau weißt du noch nicht, wie das geht – das Kinderkriegen. Oder?“
„Na ja“, zögerte ich, so ganz genau noch nicht.“
„Und – möchtest du es ganz genau wissen?“
„Na ja, schon, aber …“
„Aber? Was machen wir, wenn deine Eltern uns erwischen? Ich meine, weil das doch ein Erwachsenenbuch ist!“
„Wenn du Angst hast, schließen wir einfach die Tür ab“, sagte Kiki.
Irgendwie war mir alles, was mit dem Kinderkriegen zu tun hatte, ein bisschen unheimlich. Aber das sagte ich Kiki nicht.
Wir schlossen nicht nur die Tür ab. Wir krochen auch noch unter ihr Bett. „Doppelt hält besser“, lachte sie und knipste ihre Taschenlampe an.
Das Buch enthielt ganz viele Abbildungen: Fotos und Zeichnungen, die wir uns anschauten. Außerdem las mir Kiki einige Stellen laut vor. Gut, dass sie im Dunkeln nicht sehen konnte, wie ich rot wurde.
Wenn das Kinderkriegen wirklich so ist, dachte ich, dann ist es kein Wunder, dass die Erwachsenen so ein Geheimnis daraus machen und immer sagen: „Das verstehst du noch nicht.“ Oder: „Warte, bis du etwas älter bist!“
Später, als wir nicht mehr unter, sondern in Kikis Bett lagen, sagte ich: „Weißt du, was ich früher gedacht habe? Dass man vom Küssen Kinder bekommt. Ich meine, vom richtigen Küssen. Aber wenn das so wäre, müsste ich eigentlich viel mehr Geschwister haben – so oft wie Papa und Mama sich küssen.“
Kiki lachte. „Ich weiß gar nicht, ob Vati und Mutti sich küssen. Trotzdem sind Sabine und ich da. Aber jetzt weißt du ja, wie es geht.“
„Ich glaube, ich möchte lieber keine Kinder bekommen“, sagte ich.
„Es soll gar nicht so schlimm sein, wie es aussieht“, sagte Kiki. „Ich habe Mutti mal gefragt, ob es wehtäte, ein Kind zu kriegen.“
„Und – was hat sie gesagt?“
„Na, ja, sie hat gesagt, etwas weh täte es schon.“
„So wie beim Zahnarzt?“
„Ja, vielleicht. So ungefähr.“
„Ich bin froh, dass ich erst elf bin“, sagte ich und erzählte, wie das gewesen war, als Elisabeth und Andreas plötzlich auf der Welt waren. „Wie vom Himmel gefallen.“
„Deine Geschwister sind süß“, sage Kiki.
„Manchmal ja, manchmal nein. Zum Spielen sind sie eigentlich zu klein.“
„Und Sabine ist zu groß. Nach den Ferien geht sie in die Tanzstunde. Sie will Rock ’n’ Roll und Boogie-Woogie lernen. Blue Jeans hat sie sich auch schon gekauft. Und von morgens bis abends singt sie „Love me tender“ und „Don’t be cruel“ oder so ähnlich und verdreht die Augen.“
„Wie gut, dass wir uns haben!“
„Finde ich auch“, gähnte Kiki. „Schlaf gut, Marie!“
„Du auch, Kiki!“
Kiki drehte mir den Rücken zu. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Ich lag noch eine Zeit lang wach und hörte auf die Geräusche im Zimmer.
Ich war so froh, dass Kiki meine Freundin war. Nur ihre Tiere störten mich ein bisschen: der Wellensittich Hänschen, der Goldhamster Fritz, die Schildkröte Berta und der Goldfisch Waldemar.

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